On the edge: Kommt jetzt der große Investment-Winter für deutsche Startups?

In den letzten Wochen und Monaten habe ich es so oft gehört und gelesen, dass es schon fast langweilig wird: Angeblich kommt jetzt die große Depression von Startup Investments, Die fetten Jahre, wo man einfach so ein paar Millionen bekommt, die sind vorbei, heißt es überall. Gleichzeitig führen für die Allgemeinheit unverständliche VC-Investments zu Verwirrung. Für mich also Zeit, zu reagieren und zu versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen ;-)

Donnerstag,
08.12.2022

Inhalt:

  1. Wird es bald wirklich einen Einbruch bei Startup-Investments geben?
  2. Unverständliche VC-Investments: Ein Erklärungsversuch
  3. Fazit

 

1. Wird es bald wirklich einen Einbruch bei Startup-Investments geben?

 

Da man anscheinend nicht selten von mir eine Reaktion darauf erwartet, ich aber in Anbetracht der Häufigkeit dieser Äußerungen bald nur noch müde lächeln kann, möchte ich hier einmal meine Entgegnung zusammenfassen, bevor ich diesen Punkt erreiche:

Man hat noch nie einfach so ein paar Millionen bekommen, für Startup-GründerInnen gab es nie “fette Jahre” sondern es war und wird immer mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden sein, ein Investment zu bekommen, und ich sehe uns auch nicht vor einem Wegbrechen von Investoren in gigantischem Ausmaß.

Da besonders beim letzten Punkt nun viele erstaunt die Augenbrauen hochziehen werden, beginne ich einmal damit. Erst heute habe ich wieder von einem VC-Funds gelesen, der seine nächste Auflage im dreistelligen Millionenbereich bekannt gegeben hat. Viele solcher Meldungen gab es in den letzten Monaten, das heißt, es liegen überall Haufen von Geld herum, die nur dafür gedacht sind, in Startups investiert zu werden. Die werden und können sich so schnell nicht auflösen. Das hat Geld nun einmal so an sich.

Sollten die zugehörigen VCs aus Gründen der allgemein modern gewordenen Dauer-Panik sich nun allzu stark zurückhalten, bleibt dieses Geld liegen. Das ist aber normalerweise nicht ihr Geld, sondern Geld von sogenannten “Limited Partners”: Unternehmen oder auch mal reichen Privatmenschen, die abseits der Gewinnabsicht auch andere Gründe haben mögen, dieses Geld wie versprochen investiert zu sehen (wie zum Beispiel neue Innovationen kennenzulernen, sich zu adjazenten Branchen verbinden und vieles mehr). Wenn das nun nicht geschieht, können diese Ziele nicht nur nicht erreicht werden, sondern das herumliegende Geld hätte ja eigentlich noch Zinsen (jetzt gibt es ja auch so etwas wieder) für sie abgeworfen, hätten sie es behalten. Es produziert also auch noch fleißig Opportunitätskosten, wodurch man annehmen kann, dass diese Limited Partners ihren untätigen VCs ganz schön aufs Dach steigen werden.

Und auch die Vorstellung, Investoren müssten ja nun zwangsweise vorsichtiger werden, ist für mich nicht ganz logisch. Denn gerade in schwierigen Zeiten gibt es Probleme zu lösen, die Startups erfahrungsgemäß schneller und effizienter – oder überhaupt – anpacken. Ich würde mir also eher von ihnen Hilfe beim Energiesparen, nutzbar machen von alternativen Energien, Rohstoff-Knappheit und bezahlbare Lebensmitteln erhoffen, als mein Vertrauen in die Politik zu legen. Denn wo das hinführt, haben wir ja die letzten zwei Jahre zur Genüge erfahren dürfen.

Spätestens an dieser Stelle kommt dann der große Einwand: “Ja, aber was ist denn mit x und y und z (usw.), die waren eigentlich Unicorns, hatten dann Downrounds, mussten tausende Leute entlassen…” Und genau hier gehen unsere Definitionen auseinander. Startups sind für mich – frei nach Eric Ries – Organisationen auf der Suche nach einem Geschäftsmodell. Wachstum um des Wachstums Willen ohne Chance auf Profitabilität, sondern rein auf der Jagd nach dem ICO, bei dem dann der Anleger die GründerInnen und Investoren auszahlen soll, sind für mich kein Geschäftsmodell, sondern Spekulation. Klar, diese Hype-Spekulationen, die sich bestimmt auch ein wenig aus niedrigen Zinssätzen und boomender Wirtschaft nährten, werden stark einbrechen. Aber das stört mich nicht, sondern lässt mich eher hoffen, dass diese Vorhaben auch in Zukunft schon bei VCs schlechter ankommen, und deren Geld stattdessen zu einem noch höheren Anteil in Startups fließt, die mit einer echten Problemlösung ein nachhaltiges Geschäftsmodell anstreben.

Also: Es liegt viel Geld zum Investieren bereit, viele Probleme brauchen dringend gute Lösungen, und die Zeiten testosteron-getriebener Wachstumsorgien ohne Sinn und Verstand scheinen vorerst vorbei zu sein. Es könnte nun wirklich schlimmer stehen in der Startup-Welt.

 

2. Unverständliche VC-Investments: Ein Erklärungsversuch

 

Doch es gibt sie immer noch: die Investments, die man einfach nicht versteht. Wenn ich meine Workshops zur Investorenvorbereitung halte, kommt meistens gegen Ende mindestens eine Frage der Art: “Aber was ist denn mit X?”, wobei X ein meist großes Investment der letzten Zeit ist. Aktuell würde ich da zum Beispiel auf Andreessen Horowitz’ 350 Millionen Dollar Investment in Adam Neumanns neues Vorhaben tippen.

Es ist natürlich weder schön noch einfach zu erklären, wie so etwas zustande kommt. Besonders, wenn man die letzten Stunden damit verbracht hat, einer Gruppe motivierter GründerInnen zu erklären, worauf seriöse Investoren achten und ihre Unterlagen passend vorzubereiten, so dass sie zwar von einem ambitionierten, aber zugleich bodenständigen Team zeugen und die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit des Vorhabens deutlich machen.

Und dann eben Adam Neumann und Konsorten. Aber bisher bin ich noch keine Antwort in diesem Bereich schuldig geblieben, also möchte ich hier einmal eine Zusammenfassung geben:

Zunächst einmal sind Investment Manager (oder welche Titel sie auch immer haben) auch nur Menschen, und machen als solche auch Fehler. Gerade bei großen VCs stehen sie häufig auch unter Druck, eine gewisse Anzahl Investments pro Jahr und dann natürlich auch gewisse Erfolge vorzuweisen. Das fördert natürlich auch Fehlentscheidungen. Trotzdem gibt es VCs, die fast gar keine solchen – freundlich ausgedrückt – verwunderlichen Investments machen, und andere, die sehr oft dabei sind. Da muss es also noch andere Faktoren geben.

Einen Faktor, der für mich vieles erklärt, nenne ich gerne die “Hype-Investments”: es tauchen immer wieder Branchen oder Geschäftsmodell-Typen auf, die als “das neue große Ding” gelten. Dazu gehörten die Abo-Investments, aber auch die fancy Namen wie FinTech, InsureTech oder PropTech. Oft fängt es damit an, dass eines oder ein paar wenige Startups dieser Art richtig groß werden, oder zumindest große Finanzierungsrunden von namhaften Investoren akquirieren können.

Dann setzt gerne mal eine Art Investoren-FOMO (=Fear of missing out) ein: andere Investoren im Markt haben plötzlich Angst, einen großen Trend zu verpassen und nachher dumm da zu stehen, wenn sie kein einziges solches Startup im Portfolio haben. So etwas könnte schwierig werden, den Limited Partners, also den eigenen Geldgebern, zu erklären. Das führt dann manchmal dazu, dass entsprechende Startups, die zu dieser Zeit schon – manchmal auch nur halbwegs – Investment-reif sind, mehrere Angebote bekommen und aus dem Vollen schöpfen können. Das wiederum setzt Investoren unter Druck, Finanzierungsrunden relativ schnell abzuschließen – und das, man kann es sich schon denken, führt zu verkürzten Due Diligence-Phasen, also vielleicht sogar abgespeckten oder beschleunigten Prüfungen und damit zu mehr Fehlern. Im Extremfall werden eklatante Schwachstellen im Geschäftsmodell auch regelrecht ignoriert.

Letzteres ist vor allem dann der Fall, wenn es gar nicht darum geht, wirtschaftlich nachhaltige Unternehmen aufzubauen, sondern eine andere Investmentstrategie die Hauptrolle spielt: Die der puren Spekulation, die ich oben bereits erwähnte. Hype-Investments könnten fette weitere Finanzierungsrunden einsammeln – oder es sogar bis zum IPO bringen. Welcher Folgeinvestor dann am Ende die Zeche bezahlt, ist dem, der früh genug und mit sattem Gewinn wieder rauskommt, dabei völlig egal. Diese Strategie zieht vor allem die extrem risikofreudigen Typen Investor an, dessen Akteure oft auch ein recht übersteigertes Ego an den Tag legen. Entsprechende Gründer (tatsächlich sehr selten -Innen) sind da meistens vom gleichen Schlag. Gerade auf Startup-Seite gehört auch eine ganze Portion Abgebrühtheit, vielleicht sogar moralische Flexibilität dazu. Denn ein Unternehmen aufzubauen, von dem man nur will, dass es bis zu einem gewissen Punkt ohne Rücksicht auf Sinn und Verstand möglichst stark wächst, um nach dem Verkauf oder IPO dann vielleicht auch schnell wieder Geschichte zu sein, das muss man erst einmal können.

Und dann gibt es da noch den Bro-Faktor, das, was der Kölner “Klüngel” nennt, andere Vetternwirtschaft oder Seilschaften, das unrühmliche und zutiefst menschen- und wirtschaftsschädliche Erbe des Patriarchats. Auch wenn die Startup-Szene hier wohl “sauberer” ist als die Konzernwelt oder der deutsche Mittelstand, gibt es auch hier immer wieder Fälle, die sie traurigerweise als nicht völlig immun enttarnen. Und Millionen vernichten.

Welche Faktoren das Andreessen Horowitz Investment in Adam Neumanns “Flow” beeinflusst haben, wird wohl erst noch die Zukunft zeigen, wir dürfen gespannt sein.

 

3. Fazit:

 

Wie so oft und in vielen Bereichen ist auch die Investment-Szene nicht frei von irrationalen Einflüssen. Das kann die allgemeine Panikstimmung sein, Hype, Trends oder undurchsichtige Verwicklungen. Die gibt es und wird es immer geben, egal, wie die Gesamtsituation gerade ist.

So gibt es auch zur Zeit immer noch eher unverständliche Investments, während die Gesamtsituation sich schon ein wenig geändert hat. Doch ob man das schon Krisenmodus nennen kann, wage ich, in Zweifel zu ziehen.

Aber auch eine Krise birgt immer auch Chancen, sagt man. Was man momentan in der Startup-Szene beobachten kann, ist, dass Investoren aller Art sich wieder mehr echten Lösungen zuwenden – ganz besonders im GreenTech-Bereich oder mit dem Schwerpunkt Ressourcen-schonen. Plötzlich sind wieder solide, gut durchdachte Geschäftsmodelle gefragt, die vielleicht nicht die Weltherrschaft versprechen, dafür aber früher Geld verdienen und echte Probleme lösen. Bodenständig ist wieder in, Unit Economics und Margen erleben ihr großes Comeback.

Eine Krise für inhaltslose Storyteller, für die Bro-Culture, für die großen Visionen, die keinen wirklichen Rückhalt in der Realität haben. Und für die Bewertungen, die nur dem Füttern der Gründer-Egos dienen. Eine Chance für GründerInnen, die wirklich Probleme lösen, wirtschaftlich nachhaltige Unternehmen aufbauen wollen und die Probleme unserer Zeit adressieren, die so lange von Gesellschaft und Politik sträflich vernachlässigt wurden. Eine Entwicklung, die man durchaus auch begrüßen kann.

 

Photo (above): Ruth Cremer

Ruth Cremer

Ruth Cremer ist Mathematikerin und Beraterin sowie Hochschuldozentin auf dem Gebiet der Geschäftsmodelle, Kennzahlen und Finanzplanung. Als ehemalige Investmentmanagerin weiß sie, worauf Investoren achten und hilft auch bei der Pitch- und Dokumentenerstellung im Investitions- oder Übernahmeprozess. Seit 2017 ist sie als externe Beraterin an der Auswahl und Vorbereitung der Kandidaten in "Die Höhle der Löwen" beteiligt.